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Beirut – Eine Explosion erschüttert ein ganzes Land

Vermutlich hat es jeder mitbekommen. Am 4. August 2020 um 18:08 Uhr Ortszeit explodierten bei einem Brand im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut ca. 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, welches dort ungesichert in einer Halle gelagert worden war

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Foto - moschee al amin Beirut

Vermutlich hat es jeder mitbekommen. Am 4. August 2020 um 18:08 Uhr Ortszeit explodierten bei einem Brand im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut ca. 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, welches dort ungesichert in einer Halle gelagert worden war. Die Explosion war so stark, dass man sie noch im 240 Kilometer weit entfernten Zypern spüren konnte. Sie hinterließ einen 40 Meter tiefen Krater und zerstörte rund 8000 Gebäude. Mindestens 300.000 wurden obdachlos, 6.000 Menschen wurden verletzt und mehr als 200 Menschen ließen ihr Leben.

Eine Katastrophe, die es so noch nie gegeben hat. Welche Folgen hat das für ein Land, welches ohnehin schon mit immensen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen hat? Eine schwierige Frage, welche wir möglichst einfach beantworten wollen.

Zunächst einmal wird der Schaden von der libanesischen Regierung auf mindestens 4.000.000.000 (4 Milliarden) US-Dollar geschätzt. Das ist zwar nur etwa halb so viel wie der BER, aber für ein wirtschaftlich relativ unbedeutendes Land unheimlich schwerwiegend – zumal andere Schätzungen sogar von Schäden bis zu 15 Milliarden Dollar ausgehen.

Fest steht: dem Land ging es bereits vorher nicht gut. Kriege und Terrorismus erschütterten bis vor wenigen Jahren das Land, zudem steckt es in einer Wirtschaftskrise. Rund ein Drittel der Bevölkerung des Libanon ist arbeitslos. Diese Umstände führten in der Vergangenheit immer wieder zu Protesten. Das Unglück von Beirut hat ebendiese neu entfacht. Die Demonstranten sind wütend, sie werfen der Regierung Korruption und Inkompetenz in vielen Bereichen vor und fordern Neuwahlen.

Einige Politiker, darunter auch der Präsident des Landes, haben sich ebenfalls für Neuwahlen ausgesprochen. Die Regierung trat daher am 10. August zurück. Ob sich die politische Lage jetzt ein wenig verbessert, bleibt abzuwarten. Viel schlimmer kann es aktuell scheinbar kaum werden.

Denn der Hafen von Beirut hat für den Libanon eine immense wirtschaftliche Bedeutung. 85% aller Güter des Landes werden hier umgeschlagen. Nun sind weite Teile von ihm nicht mehr nutzbar. So wurde zum Beispiel ein riesiger Getreidespeicher zerstört. Das klingt zwar im ersten Moment weitestgehend harmlos, es ist ja „nur ein Speicher“, hat aber katastrophale Folgen. Denn der Libanon importiert rund 80% des im Land genutzten Getreides. Große Teile dieses Vorrats sind nun unbrauchbar. Da der Hafen nur teilweise in seiner Funktion wieder nutzbar ist, rechnen Regierungsbeamte damit, dass sämtliche verbleibende Getreidevorräte in circa einem Monat aufgebraucht sind.

Doch auch damit nicht genug: auch die Corona Pandemie erschwert die Situation. Durch die Explosions-Katastrophe mussten 3 Krankenhäuser aufgrund starker Beschädigungen evakuiert werden. Schätzungen zufolge sind über die Hälfte der 55 Krankenhäuser in der libanesischen Hauptstadt nicht funktionsfähig. Dadurch können die rasant ansteigenden Corona- Neuinfektionen kaum behandelt werden. Auch medizinisch befinden sich also Stadt und Staat in einer Notlage.

Was wird also getan, um dem entgegenzuwirken? Der libanesische Präsident Michel Aoun stellt etwa 100 Milliarden libanesische Pfund zur Verfügung. Die umgerechnet rund 56 Millionen Euro sind zwar kaum ausreichend, jedoch kündigten die Vereinten Nationen bereits Getreidelieferungen und andere Hilfen an.

Bei einer Geberkonferenz, einer Art diplomatischen Spendenaktion, kamen rund 250 Millionen Euro zusammen, auch die EU möchte 63 Millionen Euro zur Unterstützung beitragen. Viele Staaten bekundeten ihr Beileid und baten Hilfe für den Libanon an. Darunter auch das seit Jahren mit dem Land verfeindete Israel. Ein kleiner Lichtblick in einer solch schweren Situation.

Ob diese Maßnahmen helfen, das Land vor dem Ruin zu bewahren, wird die Zukunft zeigen. Die Menschen in Beirut durchleben momentan eine immens schwere Zeit, welche wohl auch nicht so schnell zu Ende sein wird. Es ist jedoch schön zu sehen, dass so viele Nationen zusammenarbeiten und Konflikte für einen Moment verdrängen, um dem Libanon zu helfen. Ein zwischenstaatliches Verhalten, was man sich gerade in diesen Tagen vermehrt wünschen würde, aber leider viel zu selten beobachten kann.

(TL)

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